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Gruselgeschichten

Gruselgeschichte: Der gebrochene Schwur

veröffentlicht am Oktober 25, 2010 von John Doe | abgelegt unter Gruselgeschichten

Die Flamme der Kerze tanzte mit einem Luftzug, der durch die undichten Fenster drang. Jeden Abend des vergangenen Monats begann dieser Tanz erneut und warf eine unstete Lichtinsel auf den abgewetzten Tisch.

Das Zittern seiner knochigen Finger ließ nach, als sie sich auf das alte schwarzweiß Foto legten. Bens Hände waren von Altersflecken übersät, sein Versand trübe geworden. Doch seine Erinnerungen, sie waren klar, so klar, als wäre es gestern erst gewesen. War es schon fünfunddreißig Jahre her, der Tag, als er Angelo und John zurückgelassen hatte? Zurücklassen musste! Er wusste es nicht mehr genau. Der stumme Schrei Angelos brannte sich dafür um so gnadenloser in sein Gedächtnis. Angelo konnte nicht mehr laut schreien, eine Explosion zerfetzte seine Lunge. Und Johns tote Augen sahen ihm nach, voller Vorwurf, weil er seinen Schwur brach.

Ben nahm das halbvolle Glas mit Scotch vom Tisch, die braune Flüssigkeit schwappte hin und her, und kippte die quälenden Erinnerungen mit einem Zug hinter. Doch sie wollten nicht gehen, sie füllten das Wohnzimmer seines so still gewordenen Hauses wie ungebetene Gäste; Geister seiner Vergangenheit, die in dunklen Ecken lauerten und immer wieder über ihn herfielen.

Eine Fensterlade schlug zu und sperrte das Mondlicht aus, fast hätte es die kleine Flamme zerfetzt, und Ben zusammen mit den Erinnerungen in der Dunkelheit zurückgelassen. Nun krachte die Fensterlade zurück gegen die Hauswand. Der silberne Mond stand ruhig über den wiegenden Baumkronen des Waldes. Ein Sturm zog auf.

Bestimmt würden sie ihn bald holen, die Geister seiner Vergangenheit, Angelo und John. Er spürte es, denn seine Kräfte waren verbraucht, seine Tage gezählt. Beinahe glitt ihm das leere Glas aus den zittrigen Finger, als er es neben der Kerze abstellte. Es war doch Krieg! Was hätte er tun können, verdammt? „Ich konnte euch nicht mehr helfen, der Krieg, der Krieg …“ Die Stimme unterdrückt, bewegten sich seine Lippen kaum.
Die Arme um die Schultern gelegt, standen sie da, alle drei, in Freundschaft vereint; Freundschaften aus seiner Jugendzeit vor so vielen Jahren. Das Foto war längst verblasst, dessen Ränder hier und da geknickt, doch der Schwur, den sie sich damals kurz vor dem Krieg gaben, hallte immer noch mit ungebrochener Kraft in seinen Ohren. Sie schworen einander, sich nie im Stich zu lassen, ihr Leben für den anderen zu riskieren.

Der Sturm heulte lauter. Wieder schlug die Lade ans Fenster und sperrte den Mond aus, klirrend zerbrach eine Scheibe. Ein Windstoß riss die kleine Flamme mit sich. Wie ein hungriges Tier brach die Nacht über den Raum herein.

Dumpfe Schritte knarrten auf dem Boden im Flur, langsam kamen sie näher, ganz langsam. Es war so weit, sie wollten ihn holen, Sühne für seinen gebrochenen Schwur fordern. Starren Blickes fixierte er die Tür zum Flur, die er nicht sehen konnte, dann fuhr sein Kopf zum Abstellraum auf der anderen Seite herum. Auch der lag im Dunkeln. Schnell, vielleicht konnte er sich verstecken. Die Arme auf den Tisch gestützt, stemmte sich Ben mühevoll aus dem Stuhl. Sein gebeugter Rücken schmerzte wieder. Schuld daran war eine Kugel, die sich einst in seinen Rücken verirrte. Er nahm seinen am Tisch lehnenden Gehstock. Ein Bein nachziehend, hinkte er auf den Abstellraum zu.
Ben brauchte ihn nicht zu sehen, zu lange wohnte er bereits in diesem Haus. In den letzten Monaten ließ er abends das Licht oft aus. Ben wusste genau, wo ein bestimmter Schrank stand oder eine Tür lag. Oft saß er abends im Sessel, und schlief irgendwann ein. Wozu brauchte er dann noch elektrisches Licht?

Die Schritte auf dem Flur wurden lauter, sie waren fast da. Halt! Das Bild konnte er nicht liegen lassen. Angelo und John würden es sehen, sie würden dann wissen, dass er sich des Schwurs erinnerte. Dann konnten sie Sühne fordern. Er drehte sich um und ging zum Tisch zurück. Schnell, sie kamen! Seine Hand tastete über den Tisch. Dann verschwand das Bild in seiner Hemdtasche.
Mehrere Stimmen flüsterten. Ob sie ihn gehört hatten? Ben brauchte eine gefühlte Ewigkeit zum Abstellraum. Leise drückte er die Klinke herunter.

Die Stubentür quietschte und die flüsternden Stimmen wurden lauter. Schnell, sie kamen! Ben begab sich in den dunklen Schlund hinter der Tür und zog sie zu. Sein Herz raste, die Lunge keuchte nach Luft. Ben versuchte, das Keuchen zu unterdrücken. Die flüsternden Stimmen kamen jedoch näher. Es war zu spät, Angelo und John hatten ihn gehört und würden nun Sühne für den gebrochenen Schwur einfordern. Mit dem Rücken an die hintere Wand gepresst, sah Ben, wie sich die Tür auftat. Grelles Licht blendete ihn, sodass er die Arme vor die Augen hielt. Nun war es so weit.

Der Lichtkegel wanderte auf den Boden, und vor ihm standen vier Silhouetten, nicht zwei. Ben sah genauer hin, und zwei der Personen kamen ihm bekannt vor, es waren aber nicht Angelo und John. Es waren eine junge Frau und ein wenig älterer Mann, links und rechts von zwei Männern in weiß stehend. Beide sahen sich ähnlich. Beruhigend redete die Frau auf ihn ein, nannte ihn Vater, besänftigte ihn und legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Währenddessen sprachen die beiden Männer in weiß miteinander, nur flüsternd, jenes Flüstern, das Ben ihm Flur hörte. Es fielen Worte wie „Kriegstraumata“ und „Demenz“. Nun kam auch der Mann auf der rechten Seite auf ihn zu. Er redete davon, dass es ihm anderswo besser gehen würde.

(Autor: Andreas – Quelle: http://www.schreibwerkstatt.de/gebrochener-schwur-t24284.html)



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Ein Kommentar

  1. Ani sagt:

    ich find die geschichte ganz gut!!!aber nicht wirklich gruselig nur spannend!!

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