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Gruselgeschichten

Herbstliches Halloween-Gedicht: Der Greif und die Rittersmannen

veröffentlicht am Oktober 19, 2010 von Crimson Conjuror | abgelegt unter Gruselgeschichten

Es trug sich unterhalb vom Hohen-Neuffen
einst zu im grünen Walde eines Greifen,
dass stolz zu Pferde einer Ritter Schar
zur Mittagszeit im Holz zugegen war.

Gar lustvoll sangen Vögel Lenzenlieder,
bald hier, bald dort erblühte froh der Flieder,
das Wild stand äsend auf der freien Lichtung.
Ein Bild für manch poetisch schöne Dichtung.

Die Ritter drangen, ohne es zu wissen,
in das Revier des starken, stolzen Gryffen.
So blinkend hell, so hoch auf weißen Pferden.
Sechsbein’ges Tiervolk muss vertrieben werden!

Der Greif schlich, keine zwanzig Schritt daneben,
den Streitern nach, die zu der Feste streben,
zu sehen durch manch’ Loch im Blätterdache,
der Greif, zum Sprung geduckt, in eig’ner Sache.

Auf ein Mal hielten alle Rosse und Reiter,
denn die Vögel zwitscherten nicht weiter.
„Merkt auf! Wohl ist uns einer auf den Hacken.
Doch werden heimlich wir ihn selber packen.”

So bildeten die Reiter einen Kreis
und lauschten und verhielten sich ganz leis’,
die Klingen außen, ihre Rücken innen.
So konnte nicht ein Schlag gescheh’n von hinnen.

Da schoss mit markerschütterndem Kampfgetöse
von oben auf den Kreis, dass er ihn löse,
der Greif und riss entzwei den Kampfverband.
Die tapf’ren Streiter stoben auseinand’.

Links, rechts von ihm, hint’, vorn und an den Ecken
entsetzt schrien auf die kreidebleichen Recken.
Wo führte er den ersten besten Streich?
Den nächsten zweien fuhr er durch die Bäuch’.

Doch was war das? Vier Beine rannten weiter!
Die Leiber auch. – Vielleicht war es gescheiter,
sechsbein’ge Tiere doch nicht zu durchtrennen,
sonst würden noch doppelt so viel durch die Gegend rennen!

Mit ungeheu’rem Wutgebrüll erboste
sich nun der Greif, gar fürchterlich er toste,
dass ringsumher erzitterte das Laub,
’s war jedes Ohr für Augenblicke taub.

Er hieb nach rechts, er schlug nach links, nach vorn.
Das Untier, rasend jetzt in seinem Zorn.
es schlug die Ritter siegreich in die Flucht,
geradewegs hinein in eine Schlucht.

Zu beiden Seiten ragte auf der Fels.
Der Greif, der rückte ihnen auf den Pelz.
So blieb nur eine Richtung: g’radeaus.
Doch hoffentlich ging’s hinten wieder raus!

Die Ritter stolperten eisenbewehrt voran,
denn keiner der ihren war gerne der letzte Mann.
Doch blieben sie zu ihrem größten Schrecken
in einer sackenen Gasse leider stecken.

Doch dann bemerkten sie: Da war ja noch –
so dunkel, kaum zu sehen – ein schwarzes Loch.
Noch immer wütend jagte sie der Greif
und stelzte durch den engen Spalt, fast steif.

Es tasteten ins Dunkel sich die Reiter.
Manch’ Zaudern vorne. „Zagt nicht! Weiter, weiter!”
Doch just in dem Moment trat aus der Schwärze –
oh Graus! – ein Drache, nahm sie sich zu Herze’!

Was nun? Links, rechts, hint’, vorn und an den Ecken
kein Weg zur Flucht, kein Hohlraum zum Verstecken.
Von zwei der stärksten Wesen in der Zange –
da ward den armen Rittern richtig bange.

Doch als die Augen sich ans Licht gewöhnten,
die Armen mit Fortuna sich versöhnten.
In einem bisher nicht entdeckten Winkel
erkannten eine Tür sie – samt mit Klinkel.

Sie fassten darnach, und die winzige Tür sprang auf,
dahinter führten sich windende Stufen hinauf.
So konnten sie doch noch der misslichen Lage entkommen
und waren gar zweien der tödlichsten Bestien entronnen.

Weit aus der Tiefe kam grausiges Wutgeschnaube.
Wären sie jetzt noch dort unten, so wären sie Taube.
Zahllos bald waren die Stufen, sie nahmen kein Ende.
Schwindel nahm zu, sie stiegen aus Furcht behende.

Doch glücklich langten sie oben endlich an
und hatten verloren keinen einzigen Mann.
Sie standen zum Glück in den Kellern vom Hohen-Neuffen.
Denn hier lag Wein, um zum „Württemberger” zu reifen.

Sie hörten weit unten den Drachen dem Greifen zürnen
und schepperten durch die Halle bis hin zu den Türmen.
Und abermals stiegen sie schwindelnd im Kreislauf hinan,
verloren – Potzblitz! – schon wieder nicht einen Mann!

Sie erreichten jene von Winden ergriffene Zinne
und warfen ein Auge hinab, zu sehen, wer gewinne.
Es hatte der Drache den Greifen hinausgetrieben.
Nur weichen konnte der solchen mächtigen Hieben.

Da waren sie auch schon aus dem Spalt hinaus,
und schon brach die rasende Kampfgier des Greifen aus.
Er fetzte durchs Gras und peitschte hinaus seine Schwingen,
um sich nach oben in kräftige Winde zu bringen.

Der Lindwurm ihm nach auf ledernen, schwarzen Flügeln,
dabei, dem Greifen eins über den Schädel zu bügeln.
Doch dieser, nicht mehr eingeengt, bewies,
dass von ’nem Wurm er nichts sich sagen ließ!

Was in der Schlucht der Lindwurm hatte voraus
dem Greif, hier oben reichte das nicht mehr aus.
Der Drache besaß seine Schnauze nebst sechs Klauen,
der Greif vier löwene Pranken, zum Drachen-Hauen.

Zudem den Schnabel des Königs der Lüfte, des Aars.
Da flog der Wurm in die Luft und kreischte: „Das war’s!”
Doch soo leicht machte der Greif es ihm dann nicht.
Im Flug war ein Drache für Greifen ein kleiner Wicht.

Er packte das Ende der Schlange und flog zwei Schlaufen
und zog es, ohne ein weiteres Mal zu verschnaufen,
zu einem sonderbar anzusehenden Knoten.
Es glich nun mehr einem seltenen Exoten.

D’rauf trug in der Gestalt er ihn zum Horst,
auf dem Steine thronend, über’m Forst.
Sechs winz’ge Greiflein krähten d’raus herfür
mit schon beachtlichem Souper-Gespür.

„Aah-Tschip!” schrien sie und sperrten die Schnäblein auf.
Der Greif riss sechs der Beine für sie aus.
verschlang den halben Leib. Am Horizonte
er seine entzückende Greifin sehen konnte!

Die Ritter, bewegt von dieser Familien-Idylle
wichen respektvoll zurück in die Abendstille.
Die rotgold’ne Sonne versank in glühenden Strahlen,
und dieser Tag ging ein in die Annalen.

Bis heut’ steht unterhalb vom Hohen-Neuffen
der Wald von unserem württemberg’schen Greifen,
doch seitdem niemals mehr die Ritterschar
zur Mittagszeit im Holz zugegen war.

Ende



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