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Gruselgeschichten, Spukorte und Mysteriöses

Gruselige Sage aus Sachsen: Der Graurock

veröffentlicht am März 8, 2013 von misanthrobeast | abgelegt unter Gruselgeschichten, Spukorte und Mysteriöses

Hier eine unheimliche Sage, die ich als Kind in der Schule das erste Mal hörte und die mich auch jetzt noch erschaudern lässt, wenn ich sie lese. Viel Spaß und angenehmes Gruseln!

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Der Graurock

In Zwickau lebte vor vielen, vielen Jahren ein Amtmann, der ein unbarmherziger Leuteschinder war. Bauern und Häusler bedrückte er mit den schwersten Frondiensten. Für die Not der armen Leute hatte er nur Spott und Hohn. Er war immer mit einem grauen Rock bekleidet. Daran konnte man ihn schon von weitem erkennen. Traf er im Walde Holzsammler oder Pilz- und Beerensucher, so hetzte er die Hunde auf sie. Deshalb erfüllte diese armen Menschen Angst und Schrecken, wenn er sich irgendwo sehen ließ. Mit dem Ruf ,,Der Graurock kommt!“ ergriffen sie die Flucht. Kein Wunder, daß das Volk den Amtmann ingrimmig haßte und froh war, als ihm das letzte Stündlein schlug.

Aber selbst nach seinem Tode ließ der Graurock die Leute nicht in Frieden. In dem großen Walde, der sich westlich von Mülsen St. Micheln ausbreitet, trieb er sein Unwesen weiter. Er ängstigte und schreckte alle, die ihm in den Weg kamen.

Ein Fleischer aus Mülsen St. Micheln sollte bei einem Bauern in Auerbach schlachten. Es war kurz vor Weihnachten. Als er daheim fortging, war es noch stockfinster. Sein Weg führte ihn durch den verrufenen Wald. Er hatte ihn kaum betreten, so vernahm er neben sich Schritte. Er blieb stehen und lauschte. Nichts war zu hören. Er ging weiter. Sofort war das Geräusch wieder da. Er hielt von neuem an und rief: „Wer da?“ Niemand gab Antwort. Er setzte seinen Weg fort. Doch sein vermeintlicher Begleiter tat es auch. Aus Furcht hielt sich der Fleischer seitwärts und kam vom Wege ab. Jetzt glaubte er sogar Pfeifen, Hüsteln und unterdrücktes Gelächter zu hören. Bald wußte er nicht mehr, wo er war und welche Richtung er einschlagen sollte. Er folgte aufs Geratewohl einem Wege, der jedoch mitten im Walde aufhörte. Er ging zurück und schlug einen Seitenweg ein, aber auch dieser führte nicht ins Freie. So irrte er lange hin und her. Endlich dämmerte der späte Wintermorgen. Da verschwand der Spuk. Der Fleischer fand sich jetzt aus dem Walde heraus und sah bald ein Dorf im Tale liegen. Es war – Mülsen St. Micheln. So hatte ihn der verwünschte Graurock genarrt.

Nicht besser erging es einem Musikanten aus Mülsen St. Micheln. Er hatte mit zwei Freunden in Auerbach zum Tanze aufgespielt. Nach der Musik machten sich seine beiden Freunde sofort auf den Heimweg. Er selbst wollte in der Gaststube noch ein Glas Bier trinken. „Ehe ihr an den Wald kommt, hole ich euch wieder ein“, sagte er zu seinen Gefährten. Aber er blieb doch länger sitzen, als er sich vorgenommen hatte. So mußte er allein durch den finsteren Wald gehen. Es ward ihm ein wenig unheimlich zumute. Er rief seine Freunde und erhielt auch Antwort. Er ging der Stimme nach, kam aber dabei vom Wege ab. Er rief von neuem. Diesmal wurde sein Ruf von der entgegengesetzten Seite her erwidert. Er kehrte um und rief abermals. Kreuz und quer lockte ihn die antwortende Stimme immer tiefer in den Wald hinein. Mühsam tastete er sich vorwärts, stieß an Bäume, stolperte über Wurzeln und Stöcke und riß sich Gesicht und Hände an Dornen und Gestrüpp blutig. Erst als der Morgen anbrach, fand er sich weitab von Mülsen St. Micheln aus dem Walde wieder heraus. Der Graurock hatte ihn bis an den unteren Teil des Mülsengrundes gelockt.

Noch manchem erging es ähnlich. Schließlich mied jeder nachts den gefährlichen Wald. Eine Bauersfrau aus Stangendorf wagte es einmal aber doch, den Weg durch den verwünschten Wald zu nehmen. In Zwickau war Markttag gewesen. Sie hatte Butter, Quark und Eier feilgehalten und von dem Erlös allerlei für ihren Haushalt eingekauft. Dann hatte sie Verwandte besucht und sich bei ihnen zu lange verweilt. Es fing schon an zu dämmern, als sie den Heimweg antrat. Beherzt schritt sie dem Walde zu. Aber als sie ihn erreichte, geriet ihr Mut doch ins Wanken. Zögernd ging sie weiter.

Da ist ihr’s, als ob ihr Tragkorb schwerer und schwerer wird. Die Last drückt sie fast zu Boden. Auf einem Baumstumpf setzt sie den Korb ab. Sie hebt ihn mit beiden Händen, um sein Gewicht zu prüfen. Wie leicht er ihr vorkommt! Was sie nur will? Nachdem sie ein wenig verschnauft hat, setzt sie ihren Weg fort. Kaum hat sie aber den Korb wieder auf dem Rücken, ist der Druck von neuem zu spüren. Zugleich fühlt sie zwei Hände auf ihren Schultern. Sie will schreien und kann nicht. Die Kehle ist ihr wie zugeschnürt. Sie wagt nicht, sich umzuschauen. Mühsam schleppt sie sich weiter. Endlich lichtet sich der Wald. Da lösen sich die Finger, der Korb wird leichter. In Schweiß gebadet kommt die Frau zu Hause an. Ihre Angehörigen bestürmen sie mit allerlei Fragen. Sie bringt kein Wort heraus. „Mutter“, ruft da ihr Ältester, „was sind denn das für dunkle Flecke auf deinen Schultern?“ „Der Graurock!“ schreit sie auf und sinkt ohnmächtig zusammen. Lange Zeit liegt sie fiebernd zwischen Leben und Tod. In den Wald ist sie nie wieder gegangen.

Jahrzehnte hindurch spukte der Amtmann noch in dem Walde. Endlich gelang es einer beherzten Frau und drei mutigen Männern aus Mülsen St. Micheln, ihn zu bannen. Die Frau bestellte die Männer in einer Neumondnacht auf den Kreuzweg in der Nähe des verwünschten Waldes. Sie gebot ihnen, Hacke und Schaufel mitzubringen und unterwegs kein Sterbenswörtlein zu reden.

Die Männer waren zur festgesetzten Stunde an Ort und Stelle. Als der letzte Glockenschlag der Mitternachtsstunde verklungen war, erschien die kluge Frau und winkte ihnen „zu, ihr zu folgen. Vor einer großen Eiche am Waldrande blieb sie stehen, zog drei Kreise um sich und ihre Begleiter und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, daß sie am Fuße des Baumes ein Loch graben sollten. Sie brachte ein Säcklein Hirse und eine Flasche unter ihrem Umhang hervor, kauerte sich nieder und murmelte unverständliche Worte. Dabei ließ sie ein Hirsekörnlein nach dem anderen in die Flasche gleiten. Sie hatte kaum damit begonnen, so erhob sich ein gewaltiger Sturm. Den Männern standen die Haare zu Berge, aber sie ließen nicht ab von ihrer Arbeit. Als die Frau die Flasche bis obenan gefüllt und fest verschlossen hatte, ward es mit einem Male ganz still. Nun legte die Frau die Flasche in das gegrabene Loch und bedeutete den Männern, die Grube wieder zuzuschütten. Als die letzte Erdscholle darauf geworfen wurde, schlug es Eins. Das Werk war vollbracht: der Amtmann war gebannt. So viele Hirsekörnlein in der Flasche sind, so viele Jahre muß er in der Grube stillhalten.

Man hat seitdem nichts wieder von ihm gehört und gesehen. Weil die Frau und die Männer sich nicht fürchteten, weil sie mutig und unerschrocken in den Wald gegangen waren, hatten sie die Angst vor dem Graurock besiegt. Der Wald aber, in dem er einst sein Unwesen trieb, heißt noch heutigen Tages der Graurock und wird wohl immer diesen seltsamen Namen behalten.

Quelle: http://www.opencaching.de/viewcache.php?cacheid=124424

Bildquelle: http://www.stangendorf.de/sage.htm



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