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Halloween Buch- und Filmtipps, Medien

Dreck, Blut und andere Körperflüssigkeiten – Interview zum Ekel-Horror NIGHT OF THE VIRGIN!

veröffentlicht am September 21, 2017 von misanthrobeast | abgelegt unter Halloween Buch- und Filmtipps, Medien

Mit NIGHT OF THE VIRGIN haben die jungen Spanier Roberto San Sebastian (Regie) und Kevin Iglesias (Produzent) im Oktober letzten Jahres einen wirklich äußerst verstörenden Horrorfilm abgeliefert, der die Geister scheidet. Auf der einen Seite kommen Gore Hounds voll auf ihre Kosten, auf der anderen Seite sollten Zartbesaitete sich in acht nehmen, denn manche Szenen sind wirklich so ekelerregend, dass der Griff zur Kotztüte fast schon obligatorisch wird. Kein Wunder, dass die Horrorklinik – Europas größter Onlineshop für Halloween und Horror – gerade bedruckte Kotz-Tüten als Paketbeileger verteilt.

Bei all dem Blut, Dreck und anderen Flüssigkeiten, die im Film zuhauf Verwendung finden, fragt man sich doch, was die Intention hinter solch einer Gewaltorgie ist, die bisweilen durch die überspitzt dargestellten Torture Porn Szenen (un)freiwillig komisch wirkt. Eure Gruselfabrik hat die beiden Verantwortlichen hinter NIGHT OF THE VIRGIN zum Interview getroffen, welches ihr nachfolgend lesen könnt.

Ab dem 17. November 2017 erscheint NIGHT OF THE VIRGIN auf DVD und Bluray.

Vorab könnt ihr euch im offiziellen Trailer anschauen. Doch nur, wenn ihr euch das auch zutraut.

 

 

Inhalt:
Es ist die Nacht zu Silvester und der naive 20-jährige Nico ist fest entschlossen seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Auf einer Party lernt er Madea kennen, eine attraktive, kluge und nette Frau. Er sieht in ihr die Richtige und beschließt mit ihr nach Hause zu gehen. Nur hat Nico in Wirklichkeit keine Ahnung, worauf er sich einlässt. Spätestens als ihm Madea sagt, er solle auf keinen Fall eine der Kakerlaken töten, die in ihrer Wohnung rumkrabbeln, hätte er eigentlich Reißaus nehmen müssen.

 

1. Hallo Kevin, hallo Roberto! Danke, dass Ihr euch die Zeit nehmt, uns im Zuge eures neuen Films „Night of the Virgin“ ein paar Fragen zu beantworten.
Bevor wir zu eurem neuen Film kommen, könnt ihr uns vielleicht kurz verraten, wie ihr überhaupt zum Film gekommen seid und was euch an der Arbeit mit dem Medium interessiert?

R: Wir haben beide an der gleichen Filmschule studiert und nachdem wir einige Kurzfilme gemacht hatten, wollten wir zusammen arbeiten. Was mich betrifft, wollte ich schon seit ich ein kleines Kind war, Filme machen und Geschichten erzählen. Seit ich 15 war, habe ich versucht, den Punkt zu erreichen, an dem ich endlich die Regie bei einem Film übernehmen konnte.

K: Wir haben zusammen an der Filmschule von Bilbao studiert, welche heute nicht mehr existiert. Ich habe dann mitten im Studium mit ein paar Kollegen zusammen die Produktionsfirma PLATANOBOLÍGRAFO gegründet, um unsere Projekte völlig unabhängig umsetzen zu können.

2. Haben euch das Horror-Genre und die Darstellung vermeintlicher Tabus im Film von Anfang an gereizt oder was ist für euch die eigentliche Möglichkeit des Films, gerade im Unterschied zu anderen Medien?

R: Für mich ist Horror das Genre, welches ich als Zuschauer am meisten genieße und es ist auch der Grund, weshalb ich selber Filme mache. Ich bin sehr an Horror interessiert, da es ein Genre ist, welches sich am besten dafür eignet, mit Subtexten und visuellen Metaphern zu spielen. Die Tatsache, dass der Film [Night oft he Virgin – Anm. des Verf.] unabhängig finanziert wurde, hat dazu geführt, dass niemand von außerhalb darauf Einfluss hatte. Der Film ist am Ende so geworden, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.

K: Wir sind ein sehr filmliebendes Volk, aufgewachsen in einer audiovisuellen Ära. Deshalb war das Kino schon immer ein sehr vorherrschendes Medium in unserer kulturellen Erziehung. Innerhalb unserer Leidenschaft für das Kino haben wir die Tendenz, Projekte zu schaffen, die mit den Genres spielen und diese sogar pervertieren. Das Lustige an Filmgenres ist, dass sie jeder kennt und ihre Konventionen von allen Zuschauern für bare Münze genommen und akzeptiert werden. Was uns besonderen Spaß macht, ist es, diese Genres zu zerstören (und damit auch die Erwartungen der Leute). Wir nehmen sie auseinander und jonglieren mit den Teilen, um etwas völlig Neues zu kreieren.

3. „Night of the Virgin“ könnte man als Schlachtfest der Sinne bezeichnen. Es geht um den Missbrauch von Unschuld, Blut und Exkremente, um die Verstümmelung von Identität. Wie seid ihr auf das Thema ‚Jungfräulichkeit‘ gekommen und was hat euch veranlasst, vielleicht sogar inspiriert, es so radikal aufzugreifen?

R: Ursprünglich waren Guillermo Guerrero und ich am Konzept der männlichen Unschuld als witzigem Twist interessiert. „Unschuld“ ist fast immer ein Sujet, welches in Horrorfilmen mit Frauen verbunden ist. Doch wir wollten, dass unsere „Jungfrau“ ein Mann ist. Unter dieser Vorgabe haben wir die Hauptfigur und seine Nemesis gestaltet, die natürlich eine Frau sein musste. Mit den Filmen „After Hours“ und „The Tenant“ als ursprüngliche Referenzen strukturierten wir den Film und schrieben das Script. Der Grund für die radikale und extreme Darstellung im Film kommt daher, dass uns Filme wie „Rabid“ und „Bad Taste“, die wir als Kinder gerne schauten, einfach gefehlt haben. Und da solche Filme heute einfach nicht mehr gemacht werden, entschieden wir uns, dass wir solch einen Film machen.

4. Viele der Szenen und Einstellungen im Film sind extrem lang. Ihr lasst euch insgesamt viel Zeit, um ein eigentlich sehr überschaubares Setting aufzubreiten. Was war eure Intention hinter diesem ‚Ausschlachten‘? Warum ist „Night of the Virgin“ nicht beispielsweise ein Kurzfilm geworden?

R: Das Original-Script hatte 85 Seiten. Es war als Spielfilm konzipiert. Von Anfang an wollte ich gewisse Szenen grausamer zeigen als sie ursprünglich angedacht waren. Zum Beispiel war die Szene mit der Analgeburt im Script gestrichen. Es war jedoch essentiell für mich, dass die Geburt so lang, schmerzhaft und ekelerregend wie möglich gezeigt wird. Und natürlich auch witzig. Für mich ist die Essenz des gesamten Filmes in dieser Szene zusammengefasst; sowohl die Reise des Protagonisten als auch der Charakter des Filmes selbst.

K: Persönlich (und aus der Perspektive eines Zuschauers) scheint mir das Tempo eines der witzigsten Elemente des Filmes zu sein. Es zieht sich und ist abstoßend, es zieht sich und ist lustig, es zieht sich und wird wieder abstoßend…

5. Diese Konzentration der Handlung geht häufig mit enormer Ausskizzierung von, hier, Orgien oder der figürlichen Psychologisierung einher. Inwiefern gehören tiefe Einblicke in die Handelnden und Misshandelten für euch zum Film?

R: Javier Bódalo als Protagonisten zu casten war entscheidend, um die Figur zu verstehen. Er hat eine angeborene Fähigkeit als Schauspieler, die außergewöhnlich ist: seine Verwundbarkeit. Wenn man ihn das erste Mal in der Disko sieht, kann man sofort mit ihm mitfühlen. Wenn man sieht, wie er sich bewegt, wie er spricht, wie er aussieht, kann man sich seine Vergangenheit vorstellen und welche Art von Mensch er ist. Und wenn die Figur später im Film die schlimmsten Gräuel erdulden muss, leidet das Publikum gerade wegen dieser Verwundbarkeit mit. Und natürlich auch, weil Javier so ein brillianter Schauspieler ist.
Mit dem Handychat wollten wir die gesamte Welt um den Charakter herum erforschen; seine Angst vor Frauen und den sozialen Druck, dem er ausgesetzt ist, seine Unschuld zu verlieren.

6. Die Darstellung von Gewalt unterläuft häufig sehr ähnlichen Mustern. Habt ihr diese zu vermeiden und ignorieren versucht oder bewusst aufgegriffen, vielleicht sogar mit der Intention intertextueller Bezüge?

R: Die Gewalt im Film, sowohl die physische und blutrünstige als auch die sexuelle und verbale, speziell diejenige, die Spider an Nico praktiziert, wurde so konzipiert, um auf zweierlei Arten zu wirken. Auf der einen Seite ist sie so aggressiv, unangenehm und widerlich, dass sie beim Betrachter Unwohlsein auslöst. Auf der anderen Seite ist sie gerade aufgrund dieser Übertreibung unfreiwillig komisch. Für mich sind beide Varianten gültig.

7. Nach der Radikalität in „Night of the Virgin“ – welche anderen Film-Spielarten könnt ihr euch vorstellen (ein Action-Thriller mit schnellen Schnitten, und welche konkreten Projekte stehen bei euch vielleicht bereits an?

R: Wir entwickeln bereits einen neuen Film. Er wird BEDTIME heißen. Und obwohl er nicht so blutrünstig und endzeitlich sein wird wie NIGHT OF THE VIRGIN, wird er doch die gleiche Art und Weise teilen, das Horror-Genre aus einer spielerischen Perspektive zu verstehen. BEDTIME wird ein eher ernsthafter und orthodoxer Film sein; eher ein Thriller und Suspense Film, der komplett im Inneren eines Hauses spielt. Doch er wird trotzdem ähnlich brutal wie NIGHT OF THE VIRGIN sein.

K: Wir arbeiten an BEDTIME und sind richtig verliebt in dieses Projekt. Es handelt sich wieder um einen wilden Genremix: Home Alone trifft auf Rosemary’s Baby. Eine Umkehrung der Familienfilme der 80er und 90er-Jahre. Der Film folgt der Machart von NIGHT OF THE VIRGIN insofern, als dass er vorgibt, ein unschuldiges Genre (im Falle von NIGHT OF THE VIRGIN die romantische Komödie und bei BEDTIME das Familienkino für Kinder) zu verdrehen und in einen Horror Alptraum zu verwandeln.

Danke euch für eure Antworten und eure Zeit! Wir sind gespannt und hoffen darauf, bald mehr von euch zu sehen.



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